Der Freund by Sigrid Nunez

Der Freund by Sigrid Nunez

Autor:Sigrid Nunez
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: Aufbau digital
veröffentlicht: 2019-03-14T16:00:00+00:00


7. Teil

Ehefrau Eins lebt im Ausland. Sie war für die Trauerfeier nach New York gekommen, und am Abend, bevor sie nach Hause zurückflog, gingen sie und ich gemeinsam abendessen.

»Ich weiß, dass es für dich schlimmer ist«, sagte sie freundlich. »Wir waren verheiratet, aber das ist lange her. Und nachdem es vorbei war, nichts. Keine Freundschaft, keinen Kontakt, nichts. So musste es sein. Und um ehrlich zu sein, am Anfang wollte ich nicht einmal zur Trauerfeier kommen. Aber dann habe ich gedacht, ein Abschluss. Was immer das heißen mag.«

Bei einem Selbstmord, sagte jemand bei der Trauerfeier, kann es keinen Abschluss geben.

»Aber du«, sagte sie. »Ihr beide wart so lange so gute Freunde. Ich kann gar nicht sagen, wie ich euch beneidet habe. Ich habe immer gedacht, wenn er und ich uns nicht verliebt hätten, dann hätten wir so eine Freundschaft haben können!«

Aber ihr konntet nicht widerstehen, nicht wahr. Eine so mächtige Liebe, dass sie die Folge eines Zaubers hätte sein können. Eine dieser großen Leidenschaften, die nur manche erleben dürfen, andere können bloß davon hören oder träumen.

Selbst jetzt hat sie noch die Kraft einer Legende für mich: schön, schrecklich, zum Scheitern verurteilt.

Ich erinnere mich, dass man das Gefühl hatte, man stünde neben einem Hochofen, wenn man sich in eurer Nähe aufhielt. Und als es schiefging, dachte ich, dass einer von euch mit dem Tod bezahlen würde. Du hast selbst gesagt, dass es sich manchmal anfühlte, als würdest du etwas Verbotenes, sogar Kriminelles tun. Und sie, die als Katholikin aufgewachsen war, war überzeugt, dass eine so abgöttische Liebe Sünde sein musste. Und natürlich war es letztlich das, was Ehefrau Zwei in die Verzweiflung trieb: nicht deine Affären, sondern der Glaube, dass es so eine Liebe nicht zweimal im Leben geben kann, dass, was immer du für sie empfandst, nicht dem gleichkommen konnte, was du für Ehefrau Eins empfunden hattest, der, so befürchtete sie, noch immer dein Herz gehörte.

Wenn wir uns nur nicht verliebt hätten: Sie wiederholte es mehrmals.

»Ich habe auf der Taxifahrt hierher daran gedacht. Weißt du noch, wie wir ihn vergöttert haben? Dass wir alle seine kleinen Groupies waren? Wie haben sie uns damals genannt?«

»Eine literarische Manson-Family.«

»Ach, Gott, ja. Huch. Wie konnte ich das vergessen.«

Erinnere dich, wie wir an deinen Lippen hingen und losliefen und jedes Buch oder Album kauften, das du erwähntest.

Erinnere dich, dass alles, was wir schrieben, eine erbärmliche Nachahmung von dir war.

Erinnere dich, dass du uns glauben gemacht hast, du würdest eines Tages den Nobelpreis gewinnen.

Jetzt ist er nur ein weiterer toter weißer Mann.

Er hat sich gut geschlagen, sagte ich. Besser als viele andere Schriftsteller.

»Aber ich habe gehört, dass er die letzten Jahre nicht viel geschrieben hat.«

Nein.

»War er depressiv? Hat er darüber gesprochen? Ich frage nicht nur so, es hat mich nachts wach gehalten. Warum hat er aufgehört zu unterrichten?«

Ich liste deine diversen Klagen auf, die sich nicht groß von den Klagen unterscheiden, die man jeden Tag von anderen Dozenten hört: dass nicht einmal Studenten von Top-Unis einen guten von einem schlechten Satz unterscheiden können, dass niemand im



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